Medizinischer Hinweis: Alle Übungsempfehlungen in diesem Artikel sind allgemeine Informationen und ersetzen keine individuelle physiotherapeutische Beratung. Bei Unsicherheit immer erst mit dem behandelnden Physiotherapeuten oder Hausarzt Rücksprache halten.
Das Wichtigste zuerst
Die professionelle Physiotherapie findet 1–3 Mal pro Woche statt. Den Rest der Zeit liegt es an der pflegenden Person, das Gelernte aufrechtzuerhalten. Die häufigsten Fehler: Übungen werden vergessen, Lagerung ist nicht korrekt, und Kontrakturen (verkürzte Muskeln) entstehen unbemerkt. Dieser Artikel erklärt, was pflegende Angehörige täglich selbst tun können — mit einfachen passiven Übungen für wenig mobile Personen, konkreten Lagerungsregeln und einem Übergabeplan für nach der offiziellen Physiotherapie.
Für Kosten und KK-Abrechnung der professionellen Physiotherapie: iaha.ch/physiotherapie-pflege-zu-hause-uebungen-kosten-schweiz. Dieser Artikel fokussiert auf die häusliche Praxis zwischen den Therapieterminen.
Was zwischen den Physiotherapie-Terminen passiert — und warum es entscheidend ist
Ein Physiotherapeut kommt ein- bis dreimal pro Woche. Das sind 1–3 Stunden professionelle Betreuung von 168 Wochenstunden. Was in den restlichen 165–167 Stunden passiert, bestimmt massgeblich, ob der Therapieerfolg anhält oder sich die Situation verschlechtert.
Pflegende Angehörige sind in dieser Zeit die wichtigsten Partner der Physiotherapeutin. Aber: Sie erhalten selten eine strukturierte Einweisung darin, was sie zwischen den Terminen tun können und sollen. Das Ergebnis ist oft Passivität — und damit das Risiko von Kontrakturen, Muskelabbau und Sturzgefahr.
«Die IAHA-Pflegepersonen sind täglich vor Ort — und damit auch täglich in der Position, physiotherapeutische Fortschritte zu unterstützen oder zu gefährden. Wir schulen unsere Pflegenden gezielt darin, was sie zum Erhalt der Mobilität beitragen können. Das macht den Unterschied.»
— Rachele Wey, Geschäftsführerin IAHA
Kontrakturen: Das häufigste vermeidbare Problem in der Immobilitätspflege
Weitere Informationen: SUVA – Ergonomie Pflege.
Was Kontrakturen sind und warum sie entstehen
Kontrakturen sind dauerhafte Verkürzungen von Muskeln, Sehnen oder Gelenkkapseln durch anhaltende Immobilität. Eine Hand, die immer zur Faust geballt bleibt. Ein Ellbogen, der sich nicht mehr strecken lässt. Ein Fuss in Spitzfussstellung. Was als funktionelle Einschränkung beginnt, kann zur schmerzhaften, irreversiblen Fehlstellung werden.
Kontrakturen entstehen in der häuslichen Pflege, wenn Gliedmassen über Stunden in derselben Position bleiben — im Bett, im Rollstuhl, beim Sitzen. Sie sind vermeidbar: durch regelmässige Positionswechsel und einfache passive Bewegungsübungen.
| Körperstelle | Typische Kontraktur | Ursache | Präventionsmassnahme (täglich) |
| Hand / Finger | Faust-Kontraktur (Finger bleiben gebeugt) | Hand liegt ständig geschlossen; kein Strecken | Finger vorsichtig strecken; Lagerungsschiene falls vom PT empfohlen |
| Ellbogen | Beugekontraktur | Arm liegt angewinkelt, kein Strecken | Arm sanft strecken und beugen; 2-3x täglich |
| Schulter | Eingeschränkte Aussenrotation/Abduktion | Arm hängt innenrotiert; kein Heben | Arm vorsichtig seitlich anheben; vom PT zeigen lassen |
| Hüfte | Beugefehlstellung | Langes Sitzen/Liegen in Hüftbeugung | Bauch- oder Rückenlage mit Beinen gestreckt; Positionswechsel |
| Knie | Beuge- oder Streck-Kontraktur | Knie liegt ständig gebeugt oder gestreckt | Knie abwechselnd beugen und strecken; Unterlagen entfernen/anpassen |
| Sprunggelenk / Fuss | Spitzfuss (Fuss hängt nach unten) | Fuss hat keinen Widerstand; hängt durch Schwerkraft | Fuss regelmässig in 90°-Stellung bringen; spezielle Lagerungsschuhe |
Wichtig: Erste Anzeichen einer Kontraktur (Widerstand beim Bewegen, Schmerzreaktion, sichtbare Fehlstellung) sofort dem Hausarzt oder Physiotherapeuten melden. Bestehende Kontrakturen brauchen professionelle Behandlung — sie verschlimmern sich ohne Intervention.
Passive Übungen für wenig mobile Pflegebedürftige: Was pflegende Angehörige täglich tun können
Diese Übungen sind allgemeine Orientierung. Lassen Sie sich die spezifischen Übungen immer zuerst von der behandelnden Physiotherapeutin zeigen — falsche Technik kann Schaden anrichten.
Passive Übungen werden von der pflegenden Person durchgeführt, während die pflegebedürftige Person passiv bleibt. Das Ziel: Gelenke beweglich halten, Durchblutung fördern, Kontrakturen verhindern. Sie sind besonders wichtig für Personen, die nicht mehr aktiv mitarbeiten können.
| Übung | Durchführung | Wiederholungen | Vorsicht bei |
| Fingerstreckung | Finger vorsichtig einzeln strecken und wieder schliessen. Kein Forcieren. | 5–10 je Finger, 1–2x täglich | Sichtbaren Widerstand nicht überwinden; Schmerzreaktion sofort stoppen |
| Arm-Beuge/Streckung | Unterarm an Hand und Ellbogen halten; Arm langsam beugen und strecken | 5–8 Wiederholungen, 1–2x täglich | Spastik (Krampf im Arm): kein Forcieren; PT konsultieren |
| Bein-Beuge/Streckung im Bett | Knie halten; Bein langsam zum Bauch bringen und wieder strecken | 5–8 Wiederholungen pro Bein, 1–2x täglich | Nach Hüft-OP: Winkel-Einschränkungen vom Chirurgen beachten! |
| Fusskreisen | Fuss am Knöchel halten; langsam im und gegen Uhrzeigersinn drehen | 5–8 Kreise je Richtung, 1–2x täglich | Nach Fraktur: erst nach PT-Freigabe |
| Knie beugen in Seitenlage | Person auf Seite lagern; Knie sanft Richtung Bauch beugen | 5–8 Wiederholungen, nach Positionswechsel | Schmerzen sofort ansprechen; Gleichgewicht der Person sichern |
Weitere Informationen: Rückenschutz für die pflegende Person beim Mobilisieren.
Korrekte Lagerung: Grundlage für alles andere
Lagerung ist vielleicht das wichtigste physio-unterstützende Element der häuslichen Pflege — und gleichzeitig das am häufigsten vernachlässigte. Falsche Lagerung über Stunden schadet mehr als tägliche Übungen helfen können.
| Lagerungsform | Wann geeignet | Wichtige Punkte | Dauer |
| Rückenlage (neutral) | Schlaf, Ruhe | Körper gerade; Fersendruck entlasten (Kissen unter Wade); Füsse nicht hängen lassen | Alle 2h Positionswechsel |
| 30°-Seitenlage | Druckstellenprävention (Dekubitus), Abwechslung | Rücken leicht angewinkelt; alle Knochenvorsprünge unterlagern | Alle 2h wechseln; links und rechts abwechseln |
| Sitzhaltung (Bett/Rollstuhl) | Mahlzeiten, Wachphasen | Hüfte 90°; Knie 90°; Füsse auf Boden/Fussraste; Rücken gestützt | Spätestens alle 2h Positionswechsel |
| Bauchlage | Kontrakturprophylaxe Hüfte; nur wenn PT empfohlen | Nur unter Aufsicht; Kopf seitlich; Atmung beobachten | 10–20 Minuten, nur nach PT-Empfehlung |
Positionswechsel alle 2 Stunden ist bei bettlägerigen Personen nicht nur physiotherapeutisch sinnvoll — er ist auch die wichtigste Massnahme gegen Druckgeschwüre (Dekubitus). Zwei Fliegen mit einer Klappe.
Nach der Physiotherapie: Was pflegende Angehörige übernehmen wenn die KK-Sitzungen enden
Die Krankenkasse finanziert Physiotherapie für eine begrenzte Periode — typisch 9 Sitzungen, dann Arzt-Wiederverordnung nötig. Für viele Pflegebedürftige endet irgendwann die aktive Physiotherapie vollständig. Was dann?
Der strukturierte Übergang: Was beim letzten Physio-Termin geklärt werden sollte
| Situation nach PT-Ende | Was zu tun ist |
| Heimübungsplan vorhanden | Täglich umsetzen; Beobachtungen im Pflegetagebuch festhalten; IAHA informiert |
| Kein Heimübungsplan erhalten | Nächster Hausarzttermin: Weiterverweisung anfragen; IAHA-Teacher@home kann Übungen zeigen |
| Zustand verschlechtert sich | Sofort Hausarzt kontaktieren: Neue PT-Verordnung beantragen; IAHA-Pflegeplan anpassen |
| Übungen machen dem Pflegebedürftigen Schmerzen | Sofort stoppen; Hausarzt oder Physiotherapeut konsultieren |
Das IAHA Teacher@home-Programm kann hier einen zusätzlichen Beitrag leisten: Eine IAHA-Pflegefachperson kommt vor Ort und unterstützt die Umsetzung von Übungen — nicht als Ersatz für Physiotherapie, sondern als Brücke zwischen den Therapieterminen.
«Was uns nach einem Physiotherapie-Abschluss besonders wichtig ist: Der Heimübungsplan landet nicht in einer Schublade. Unsere Pflegenden kennen die Übungen und integrieren sie in den Pflegealltag. Das ist der Unterschied zwischen Therapieerfolg, der anhält, und einem, der sich in sechs Monaten wieder umkehrt.»
— Rachele Wey, Geschäftsführerin IAHA
Wie die IAHA Physiotherapie-Fortschritte unterstützt
- Teacher@home: IAHA-Pflegefachperson kommt vor Ort, zeigt Lagerung und einfache Übungen, korrigiert Technik
- IAHA-Schulungen: Regelmässige Online-Schulungen zu Mobilisation, Lagerung und Kontrakturen (Schulungskalender: iaha.ch/bildung-termine)
- Pflegedokumentation: IAHA-Pflegende halten Beobachtungen zur Mobilität im Pflegetagebuch fest — wichtig für Hausarzt und Physiotherapeut
- Pflegeplan-Anpassung: Wenn der Physiotherapeut Änderungen empfiehlt, fliesst das in den IAHA-Pflegeplan ein
Physiotherapie-Fortschritte täglich unterstützen. IAHA hilft.
→ iaha.ch/kontakt | 044 208 88 44 | Kostenlose Beratung
Weitere Informationen: Physiotherapeut im Pflegeteam: Wann und wie einbinden.
Weitere Informationen: IAHA Teacher@home: Persönliches Coaching für Mobilisation und Lagerung.
Weitere Informationen: Hilfsmittel für Mobilität: Hebehilfen, Transfer-Gürtel, Lagerungsschuhe.
Weitere Informationen: Physiotherapie als professioneller Dienst: Kosten, KK und Therapeutensuche.
FAQ
| Frage | Antwort |
| Was sind Kontrakturen und wie entstehen sie? | Kontrakturen sind dauerhafte Verkürzungen von Muskeln, Sehnen oder Gelenkkapseln durch Immobilität. Sie entstehen, wenn Gliedmassen über lange Zeit in derselben Position bleiben. Prävention: regelmässige Positionswechsel und passive Bewegungsübungen. |
| Kann ich als pflegende Angehörige Physiotherapie-Übungen selbst durchführen? | Einfache passive Übungen (Finger strecken, Arm beugen/strecken, Fuss kreisen) können pflegende Angehörige nach Einweisung durch die Physiotherapeutin unterstützend durchführen. Wichtig: Immer zuerst von der Fachperson zeigen lassen. |
| Wie oft sollte ich bettlägerige Angehörige umlagern? | Alle 2 Stunden — das ist sowohl die Empfehlung für Kontrakturprävention als auch für Druckstellenprophylaxe. Lagerungsformen abwechseln: Rückenlage, 30°-Seitenlage links, 30°-Seitenlage rechts. |
| Was passiert wenn die Krankenkassen-Physiotherapie endet? | Heimübungsplan vom Physiotherapeuten schriftlich einfordern. Übungen täglich weiterführen. Bei Verschlechterung: Hausarzt um neue Verordnung bitten. IAHA Teacher@home kann Übungen begleiten. |
| Was ist ein Spitzfuss und wie verhindert man ihn? | Spitzfuss entsteht wenn der Fuss durch Schwerkraft dauerhaft nach unten hängt — Sprunggelenk verkürzt sich. Prävention: Fuss regelmässig in 90°-Stellung bringen; spezielle Lagerungsschuhe (vom PT verordnet). |
| Können IAHA-Pflegepersonen Physiotherapie-Übungen unterstützen? | Ja. IAHA-Pflegende werden in Mobilisation und Lagerung geschult und können einfache Übungen nach Physiotherapeuten-Anweisung täglich begleiten. Das Teacher@home-Programm bietet zusätzlich individuelles Coaching. |
| Was ist der Unterschied zwischen aktiven und passiven Übungen? | Aktive Übungen: Person führt Bewegung selbst durch (z.B. Arm heben). Passive Übungen: Pflegende führt die Bewegung durch, Person ist entspannt. Passive Übungen sind wichtig wenn aktive Teilnahme nicht mehr möglich ist. |
| Wann sollte ich den Hausarzt wegen Kontrakturen kontaktieren? | Bei ersten Anzeichen: sichtbarem Widerstand beim Bewegen, Schmerzreaktion, oder wenn eine Fehlstellung neu entsteht oder zunimmt. Nicht warten — frühe Behandlung ist deutlich effektiver als späte. |
| Wie integriere ich Übungen in den Pflegealltag? | Bei der täglichen Körperpflege: Passives Bewegen der Gliedmassen einbauen. Bei Positionswechseln: gleichzeitig kurze passive Übungen durchführen. Morgen und Abend: feste Übungszeit von 5–10 Minuten. |
| Gibt es IAHA-Schulungen speziell zu Mobilisation und Lagerung? | Ja. Mobilisation und Lagerung sind fester Bestandteil der IAHA-Schulungen. Aktueller Schulungskalender: iaha.ch/bildung-termine. |
